Ampelmännchen im Liebestaumel

Potpourri September 2021

Der Mai kann einpacken. Denn der September mit seiner spätsommerlichen Glut ist der neue Monat der Liebe - auch für das Jahr gilt: Je oller, je doller.

So trat in Spanien ein Bischof aus Liebe zu einer Autorin satanischer Erotikromane zurück. Eine Polizistin wurde in Sachsen-Anhalt Brieffreundin eines Attentäters. In Frankfurt eröffnete das Deutsche Romantik-Museum. Vor allem aber gab es ein Großereignis der Liebe, quasi den Latesummer of Love: Die Bundestagswahl.

Denn deren Ergebnisse bewirkten, dass FDP und Grüne ihre Gefühle füreinander entdeckten. Früher schienen sie ähnlich weit voneinander entfernt wie Bischof und Erotik-Autorin – aber jetzt wird heftig geflirtet. Träume von Ampeln und Jamaika werden wach, vielleicht sogar von jamaikanischen Ampeln, alles scheint möglich in dieser frischen Beziehungsphase. Eventuell flicht Christian Lindner bald Rasta-Locken in die Haare von Annalena Baerbock, oder sie nennt ihn zärtlich „mein Ampelmännchen“. Da macht es Liebestaumel gar nichts, wenn der eine die Wirtschaft und die andere das Klima retten will. Hauptsache, man hat ein schönes gemeinsames Hobby: Regieren!

Am meisten aber war Rot zu sehen – die Farbe der Liebe und einer Partei, die vor kurzem noch Splitterpartei Deutschlands (SPD) war. Jetzt aber hat der für norddeutsche Verhältnisse hochemotionale Herzensbrecher Olaf Scholz die Wähler mit seinem schlumpfigen Grinsen dahinschmelzen lassen. Unwahr ist allerdings, dass die neue Nationalhymne deswegen heißt: „Sag mal, wo kommt ihr denn her? Aus Sozhausen bitte sehr.“

Bleibt nur einer, der vom Wähler und seiner Partei nicht so viel Liebe erfuhr: Armin Laschet. Statt eines Kanzlers der Herzen wäre er ein Kanzler der Scherze. Doch auch hier wird die liebevolle Güte unseres Landes deutlich: Schließlich war mit ihm ein Kanzlerkandidat wählbar, der selbst nicht mal richtig den Wahlzettel falten konnte. Mehr Toleranz und Inklusion geht nicht.

Wie traurig, dass diese Romantik in manchen Ländern fehlt. Russland etwa wählte auch wieder, dessen ungeachtet ist Präsident Wladimir Putin bis in alle Ewigkeit allein an der Macht. Nur sein Verteidigungsminister stapft mit ihm auf Urlaubsfotos durch die sibirische Heide, Kuscheln mit der Opposition fällt aus. Zumal Putins Devise lautet: Zu viel Kritik ist Gift für eine Beziehung.

Und natürlich kann die Liebe unter Parteien erkalten. Wer sich im September noch anschmachtet, ist im Oktober vielleicht schon entmachtet. Romantiker wissen jedoch: Die wahre Liebe zur Macht überdauert alles.

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